MAÎTRE
JEAN-CLAUDE RACINET: NACHRUF
Jean-Claude Racinet ist, wie es in der von ihm
adoptierten Kultur gesagt wird, „fortgegangen“. Und Menschen aus vielerlei
Lebensgebieten haben nun damit fertig zu werden, dass er nicht nur gekommen und
nun bedauerlicherweise von uns gegangen ist, sondern dass er uns eine
gewichtige und tiefgreifende Hinterlassenschaft überträgt. Wir sind nun ohne
ihn, aber keineswegs von ihm alleingelassen, denn er überträgt uns eine
Verantwortung.

Jean-Claude Racinet war sanft und scharf, warm und
kühl, nicht vom Weg abzubringen und quecksilbrig, er war zeitweise widerborstig
und immer zutiefst offengeistig, mit einem Wort, er war nach herkömmlichen
Kriterien ein Paradox. Es ist daher auch nicht überraschend, dass er somanches
Mal missverstanden wurde, nicht zuletzt auch von jenen, die meinten, sie
würden „Racinet kennen“, wüssten um sein Denken: missverstanden haben ihn häufig eben
jene, die sich ihrer Uneinigkeit mit ihm sicher waren (aber eben nicht
wahrnahmen, dass der eigentliche Grund ihrer Ablehnung gerade auf ihn nicht
zutraf), und jene, die glühend auf seiner Seite standen (und nicht verstanden,
dass die mit dem Aposteltum Hand in Hand gehende Servilität, so sehr sie ihn
auch erfreute und zufrieden stellte, in krassem Widerspruch zu der kritischen Haltung
stand, die das Kernstück all dessen war, was er vermittelte).

©C.Oberleitner-Schindlbeck
Viel zu selten ist Racinet in seinem Leben maître genannt worden, ein Titel, der
anderen, die ihm nicht das Wasser reichen konnten, allzu großzügig gegeben
wurde (der Titel auch, den er in seiner unnachahmbaren Selbstironie mir zu
verwenden untersagte; er bestand statt dessen darauf, dass wir die zwischen uns
aufgrund unserer in einigem vergleichbaren Lebensläufe organisch gewachsene
„Regelung“ der gegenseitigen Ansprache zur Gewohnheit machten: stets eine
informelle amerikanische Verwendung der Vornamen, manchmal und plötzlich eine
Rückkehr zum formellen europäischen Unterschied zwischen „toi“ und „vous“, mal
Nähe, mal Distanz schaffend). Für die meisten wird Jean-Claude als maître d’équitation in Erinnerung
bleiben. Wie außerordentlich eingrenzend und beschränkt diese Sichtweise ist!
Was er zum Reiterlichen beitrug, ist sicherlich, wenn auch noch viel zu wenig,
das Bekannteste, aber man tut Racinet Unrecht, ignoriert oder unterschätzt man,
was er als politischer und als literarischer Schriftsteller, als Komponist etc.
geleistet und geschaffen hat. Er war nicht einer jener „eindimensionalen“
sogenannten Meister, deren Außergewöhnlichkeit sich daran bemisst, dass sie auf
einem Gebiet Hervorragendes geleistet haben, sondern sein Anrecht auf den Titel
„Meister“ gründet auf der Vielfältigkeit und Vielschichtigkeit seines Lebens
und seines Werkes, auf dem Ringen und schlussendlichen Erfolg, zur inneren
Einigung, zur Integration zu kommen. Ein solches Leben verlangt Mut,
Durchhaltevermögen und Konzentration, vor allem aber den Sinn für Solidarität,
gegenüber anderen, sich selbst und den gewählten Anliegen. All diese Werte hat
Jean-Claude in seinem Leben als Familienmensch, als Reiter, als Mann des Militärs,
als Künstler, als Kollege, als Freund, als „Mensch“ in exemplarischer Weise
vorgelebt. Und darin, in dieser Weise zu leben, das Leben zu gestalten, war und
bleibt er eine Inspiration.
Racinet war (im allerbesten Sinn des Wortes)
„Konservativer“ ohne je zu zaudern – seine Wurzeln und seine Zentriertheit
waren die ruhenden Punkte – und gleichzeitig zögerte er niemals, niemals fehlte
es ihm an Mut, bis an die Grenzen und über sie hinaus zu gehen. Seine
„Solidität“ bezeugte seinen normand Charakter,
seine spielerische Flexibilität erwies ihn immer als français, seine Freiheitsliebe und stetige Bereitschaft, für die
Freiheit einzutreten, sein republikanischer Geist machten ihn zu einem
quintessentiellen american. Er war
eine schillernde und begeisternde Person und auch nicht immer leicht zu durchschauen.
Sein Leben war ganz und gar nicht „einfach“, und anders hätte er es auch nicht
gewollt; er machte sich das Leben nicht immer ganz „einfach“, und anders hätte
er es auch nicht gekonnt. Schwere Dinge schaffte er, weil er die „Zähne
zusammenbiss“, konnte aber auch (und wie!) ein feiner Stratege sein, wusste,
dass auch das härteste Kämpfen nur dann zum Erfolg führen kann, wenn es (wie er
es selbst ausdrückte) die Weichheit des Tao respektierte. Er nahm nichts à la légère (außer das Oberflächliche
und Unbedeutende) und verstand, wie die Légèreté erreicht werden will (das
Leere und Flache war ihm hingegen immer Anlass zu gewichtigen Reaktionen).

©C.Oberleitner-Schindlbeck
Und er hatte seine Schwächen, seine Eigenheiten,
seine Schnurren. Er war ein Mensch. Er machte Fehler – unter sie müssen wohl
auch jene gezählt werden, die schlussendlich zu seinem Sturz geführt haben.
Dass sein Unfall gerade in jenem Moment kommen sollte, als sein Lebenswerk (und
nicht nur das das Reiterliche betreffende) sich „bündelte und löste“, ist eine
zutiefst traurige Gleichzeitigkeit. In des „Löwen Grube“ war er gekommen, nach
Mitteleuropa, um den dortigen Reitern seine Lehre zu vermitteln (eine
Entwicklung, über die wir oft mit Verwunderung und Erleichterung und Freude
miteinander sprachen), und es führte – so sind die unergründlichen Wege des
Schicksals – zu seinem Abschied. Gestürzt aber sind eigentlich wir alle damit,
wir, die bleiben, wir, die „Pferdeleute“.
Jean-Claude Racinet greift uns aber nach wie vor
unter die Arme, er fordert uns nach wie vor heraus, er hilft uns, uns zu
erheben. Wir waren vielleicht nur wenige, die zu seinen Lebzeiten zum
Bewusstsein kamen, dass er uns durch seinen Beitrag weiterbrachte und erhöhte.
Nicht seine hervorragende Methode und auch nicht die von ihm vermittelten
Inhalte haben uns den Fortschritt ermöglicht, sondern die Größe seiner
Prinzipien. Seine reiterlichen Prinzipien waren seine menschlichen Prinzipien.
Deshalb wäre es ein Missverständnis der Lehre des Maître Racinet, praktizierte
man eine Reiterei à la Racinet ohne auch im Menschlichen, ja auch in allen
Beziehungen zur Welt und zum Leben sich an seinen Prinzipien zu orientieren. Unsere
Arbeit geht weiter, er hat uns eine Verantwortung hinterlassen, und unsere
Aufgabe besteht nicht nur darin, den Mann und sein Werk nicht zu vergessen,
sondern seine Arbeit in seinem Geist weiterzuführen:
kritisch, hinterfragend, offengeistig, flexibel, tolerant, hingebungsvoll,
maßvoll und prinzipientreu zu sein, wie er. Racinet als der Vergangenheit
angehörig zu sehen, wäre seinem Beitrag gegenüber ebenso unangebracht, wie
daraus für oberflächliche Zwecke Teile zu entleihen oder ihn zu einer Autorität
einer angeblich unbezweifelbaren Wahrheit zu erheben.
Schon viele Jahre ist es her: die Serviererinnen
in dem kleinen Restaurant in Oak Bay, Washington State, müssen sich wohl
gefragt haben, was die beiden „eigenartigen Franzosen“ taten, die da nahtlos
von Französisch, zu Englisch, zu Deutsch übergingen – ja, Jean-Claude konnte gut
Deutsch! – , die von Pferden sprachen, von Politik, Musik, Kochkunst und
Linguistik, die mal tiefernst sprachen und dann wiederum in homerisches
Gelächter ausbrachen, die einen herzlichen Dialog führten und gleich darauf
scharf miteinander zu argumentieren schienen, die harmonisch übereinstimmend
über Europa, dann wieder uneinig über Amerika redeten, Erinnerungen (seine um
so viel unfriedlicher als meine) an Afrika austauschten, um gleich darauf die
Zukunft ihrer Kinder zu bedenken. Jean-Claude hatte eben eine seiner clinics beendet und ich war aus Kanada
gekommen, um ihn zu überreden zu versuchen, seine Arbeit durch Übersetzungen
auch in deutschsprachigen Ländern bekannt zu machen. Eine der Serviererinnen
nahm sich schließlich den Mut und fragte nach. Und Jean-Claude, so erinnere ich
mich, sagte mit einem Lächeln: „Wissen Sie, wir sind Pferdeleute, deshalb
diskutieren wir heftig und viel. Aber das ist ja alles Theorie. Denn wir wissen
beide, wie es sich anfühlt, wenn man ein wirklich gutes Pferd unter sich hat,
und wir beide lieben das. Und wir beide kennen und lieben diese afrikanischen Nachthimmel
in der Hitze. Missverstehen Sie also unser Verhalten nicht: wir sind beide mit
unseren Körpern in derselben Welt. Hinter all dem Gerede sind wir vollkommen
einer Meinung.“
Jean-Claude Racinet: Er war ein
Mann, nehmt alles nur in allem, ich werd’ nie wieder seinesgleichen sehn.
©
Christian Kristen von Stetten
2009

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ZU EHREN VON JEAN-CLAUDE RACINET
Patrice Franchet d’Espèrey
Écuyer
am Cadre Noir, Saumur
Was wir alle von denen zu bewahren hoffen,
die von uns gegangen sind, das ist das ihnen Eigentliche: ihre menschliche Zuneigungsfähigkeit, Wärme und Güte,
ihr praktisches Wissen und ihre Einsichten, ihr schieres Können und Feingefühl.
Wohl aber auch, bezogen auf die Schwierigkeiten, die wir selbst zu lösen haben,
die Art und Weise, wie sie, die nun nicht mehr unter uns weilen, diese sahen,
wie sie darüber dachten und nachdachten und wie sie sie lösten. Wenn wir also
ein Weiterleben der von uns Geschiedenen ersehnen, so ist es immer ihr Geist,
den wir bewahren wollen.
Jean-Claude Racinet hat seinen Abschied von
der Welt zu Pferd begonnen. Sein gesamtes Leben und sein Ende haben unter dem
Zeichen der Verbindung mit dem Pferd gestanden. Er gehört der Linie der
Reitmeister des Baucherismus an, jener Reitphilosophie, deren Essenz darin
besteht, Schritt für Schritt über das doktringebundene Denken hinauszuwachsen
und einen eigenen Methodenweg zu finden. Das ist Racinet gelungen. Aufbauend
auf der osteopathischen Lehre von Dr. Giniaux hat er der Reiterwelt bekannt
gemacht, mit welchen Mitteln die diversen Techniken der Hilfengebung der mise en main auf rationale Weise verwendet
werden können, um auf alle Gelenke und alle körperlich-mechanischen
Zusammenhänge des Pferde einzuwirken und damit jene Verspannungen zu
vermindern, die dem optimalen Zusammenspiel in der Bewegung im Wege stehen.
Racinet war der lebende Beweis dafür, dass
der Baucherismus ein offenes Denksystem ist, zu dem jeder Meister des Reitens
seinen ganz persönlichen Beitrag machen kann, innerhalb dessen jeder Reiter
hohen Kalibers seine eigene Note der technischen Ausführung erfinden kann. All
das, was dazu führt, dass sich das Pferd aufgrund der Handlungen des Reiters
entspannt, ist im Rahmen des Baucherismus akzeptabel, denn der Baucherismus ist
stets neu zu erfinden, ja, er existiert eigentlich eben dadurch, dass er immer
neu geschaffen wird. Außergewöhnliche oder spektakuläre Bewegungen, die in
ihrer Bildung und Entwicklung nicht auf der Erziehung des Pferdes beruhen, auf
seiner Verfeinerung den Hilfen gegenüber, und deren Ausführung unabhängig von
den Hilfen abläuft, interessieren den Baucheristen überhaupt nicht, denn ein
solches Reiten wäre nichts anderes als ein mechanisiertes Handeln nach
Schablonen. Mit einem Wort, der Baucherismus ist eine Denkweise, in der die
Vielfalt des technischen Vorgehens denkbar, ja erlaubt ist, ein Humanismus, dem
die persönliche Entwicklung des Reiters, das Wohlbefinden des Pferdes und
dessen Bewahrung ein zentrales Anliegen ist.
Jean-Claude Racinet war ein solcher
Humanist, er hat die Prinzipien der französischen Reitweise bis zum letzten
Atemzug verkörpert und verteidigt, und als solcher bleibt er unvergessen.
©Patrice Franchet d’Espèrey
©Übersetzung: Christian Kristen von Stetten
mit freundlicher Genehmigung des Autors


