
RACINET (deutsch) RACINET (englisch)
"Auf dem falschen Fuß. Kritische Betrachtungen der modernen Dressur"
(Gleichzeitige
Publikation des englischen Originaltextes: "Falling for Fallacies.
Misleading Commonplace Notions of Dressage Riding")
N.B.
Die folgenden einführenden Bemerkungen wurden vor dem viel zu frühen
und unter sehr traurigen Umständen eingetretenen Tode von Jean-Claude
Racinet verfasst (bitte verwenden Sie den zum Nachruf führenden link in
der rechten Spalte). Ich habe entschieden, die Formulierungen im
Präsens nicht zu verändern - wie gegenwärtig Racinet nach wie vor, wenn
nun auch leider nur durch seine Texte, ist, soll auf diese Weise zum
Ausdruck kommen.
Jean-Claude
Racinet ist deutschen Reitern und Lesern wohl bekannt durch seine
lebenslange Arbeit, in der er sich darauf konzentriert hat, die
grundlegenden Charakteristiken des französischen Reitens zu
artikulieren und besonders zur Diskussion der Differenzen, der
Eigenheiten und der Schwierigkeiten der beiden "Schulen", der deutschen
und der romanischen, die in letzter Zeit so viel Aufmerksamkeit im
reiterlichen Milieu ausgelöst hat, beizutragen. Hoch angesehen in der
anglosaxonischen Reiterwelt, nun auch schon seit geraumer Zeit in
deutschsprachigen Ländern bekannt durch seine Bücher und seine
Lehrgänge, hat man ihn kürzlich durch die Verleihung des Prix du Cadre noir auch "zu Hause" für seine hervorragenden theoretischen Arbeiten und seine praktischen Ergebnisse ausgezeichnet.
Racinet
hat stets die kritische Hinterfragung des Reiterlichen vorangetrieben
und seine forscherische Tätigkeit ist nach wie vor von ungeminderter
Energie: In diesem, seinem erst kürzlich verfassten Text,
bespricht er die Thematiken, die ihm am Herz liegen und die schon in
seinen früheren Schriften zentral sind, und wendet seine
Aufmerksamkeit speziell auf
jene weiteren Entwicklungen, von denen er meint, dass sie am
dringendsten unternommen werden sollten und schnellsten zu Lösungen jener Problematiken
führen werden, mit denen das moderne Reiten konfrontiert
ist. Somanche Grundideen des vorherrschenden Modus von Ausbilden
und Reiten, meint er, sind im Wesentlichen konzeptuell falsch
und müssten wissenschaftlich
durchgearbeitet
werden, vor allem mit Rückgriff auf heutiges Wissen in den Gebieten der
Anatomie und der Biomechanik und mit Zuhilfenahme empirischer
Forschungsmethoden und Messungen. Besondere Aufmerksamkeit schenkt er
in diesem Text den in manchen Kreisen so verpönten Fragen der
Hals(ein)stellung, des Schwerpunktes und der Nachgiebigkeit des
Unterkiefers, welche alle in der Methode des Baucherismus
eine zentrale Stelle einnehmen. Von diesen Grundlagen ausgehend (die
hier in einer bislang weder im Deutschen noch im Englischen, ja selbst
nicht in den z. Z. "neuesten" Arbeiten in diesem Ausmaß und mit
vergleichbarer Präzision verfügbar sind) bearbeitet Racinet jene Fragen, die schon in seinen früheren Texten von besonderer
Wichtigkeit waren: Er analysiert die seiner Meinung nach auf Irrtümern
beruhenden aber weitverbreiteten Dogmen über das Reiten und Ausbilden
und argumentiert, dass das französische Reiten in Légèreté
nun doch endlich, da seine Richtigkeit in Anbetracht der
wissenschaftlichen Beweisführung nur mehr aus rein dogmatischen Gründen
zurückgewiesen werden könnte, den ihm zustehenden Platz einnehmen
sollte.
Das neueste Buch von Jean-Claude Racinet
muss damit als ein grundlegender Beitrag zur "Schuldiskussion"
betrachtet werden. Schon seit vielen Jahren ist er in dieser
Auseinandersetzung eine der Schlüsselpersonen - einst war er vielleicht
nicht mehr, als ein "Mahner aus der Ferne", nun aber, da die Thematik
ins Scheinwerferlicht getreten und so populär geworden ist, dass
Allerlei geschrieben und gesagt wird, dessen Volumen kaum über die
inhaltlichen Schwächen hinwegtäuschen kann, erhebt Racinet
wieder seine Stimme und weist den Weg. Mit der Besonnenheit seiner
Erfahrung, seines Wissens und seines Alters wendet er sich an die
Reiter und findet für seinen Enthusiasmus und seine Lebhaftigkeit in
der von ihm vorgeschlagenen methodischen Richtung Ton und Inhalt von
großer Überzeugungskraft.
Reiter
aller "Schulrichtungen" und aller Disziplinen werden zweifelsohne aus
dem Studium des Buches wichtige Denkanstöße ziehen und viele neue
Fakten lernen. Es ist kaum vorstellbar, dass es fragende Reiter geben
könnten, die sich dieses wegweisende Buch versagen wollten. Racinet
muss unter die wichtigsten Autoren der Reitliteratur des späteren 20.
Jahrhunderts gezählt werden; mit diesem Text definiert er, welchen
entscheidenden Fragen sich das Reiten des 21. Jahrhunderts zu
stellen hat und wie die Zukunft der Reiterei auszusehen habe, um für Pferd und Reiter sinnvoll sein zu können.






