Reiten
...stammt von einem Reiten ab (und trägt dessen Erbe weiter), das einstmals als die höchste und reinste Form allen Reitens angesehen wurde. Das "Schulreiten"
wurde sowohl als die grundlegendste Form des Reitens betrachtet, als
dessen prototypische, eigentlichste Form, als auch dessen höchster
Ausdruck, der vollkommenste. Alle anderen Reitweisen und
-formen galten als "niedriger", als nur teilweise Verwirklichungen des
Wesens der Reiterei, d.h. der Schulreiterei, und wurden daher als auf
diese reduzierbar angesehen. Man war zu dieser Sichtweise über einen
langen und komplizierten historischen Prozess gekommen, in dem versucht
wurde zu verstehen, wie ein Pferd (um)geformt werden kann oder muss, damit daraus ein Reitpferd wird.
Die Art des Reitens und des Denkens über das Reiten, über welche wir
hier sprechen, ist jener Tradition verschrieben, für welche das Erzieherische das ausschlaggebende Element aller reiterlichen Unternehmungen ist.
...hält es für faktisch offensichtlich und nachweisbar, dass das
Pferd für jegliche auch nur im geringsten Maße "anspruchsvolle"
Reiterei gelehrt werden muss, und trägt dieser Einsicht, dass dem Pferd
also etwas beigebracht werden muss, entsprechend Rechnung: Nur wenn das Pferd in gewisser Weise unterrichtet wird,
wird es in Körper und Geist gesund und nur unter
diesen Umständen auch für den Reiter sicher, verwendbar und angenehm
sein und bleiben. Was man, um diese Erwartungen zu erfüllen, vom
Pferd fordern kann, wieweit man gehen darf in dem, was man es
auszuführen auffordert, hat daher seine Grenzen. Man muss sich
also beschränken, was und wie man
das Pferd lehrt. Ein Pferd richtig zu lehren, setzt voraus, dass der
Reiter richtig erzogen ist, es verlangt Tiefe und Maß, Wissen und Verständnis.

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... besteht in der Anwendung dieser Grundideen, die für alle Reitformen und Reitweisen Gütligkeit haben (können), auf gewisse equestrische Ziele und dazu angewandte Mittel.
Erst in einer zu unserer heutigen Epoche nahen Zeit (etwa im frühen 19.
Jahrhundert) war es offensichtlich geworden, dass unterschiedliche
Formen des Reitens verschiedene Gleichgewichtsverteilungen (und daher
Haltungen, von Pferd und Reiter) notwendig machten und dass daher die
reiterlichen Methoden und Techniken jeweils andere sein mussten. Unsere
heutige Sicht ist folglich nicht, dass "das Schulreiten die
höchste Form allen Reitens" ist, sondern dass es eine unter mehreren,
klar voneinander unterscheidbaren Formen darstellt. Der Brennpunkt dieses Reitens ist ein spezifischer und die dafür notwendigen
Vorgehensweisen haben ihre Besonderheiten: Es ist
eine Spezialisierung
und als solche muss es auch verstanden werden, seine Eigenheiten müssen
beherrscht werden, denn nur so ist es möglich, es in der Praxis
richtig auszuführen und die "höheren Schwierigkeiten" zu erreichen.
Wird dieses Reiten als eine ars liberalis betrieben
- und das bedeutet sowohl mit handwerklicher Geschicklichkeit als
auch mit dem Feingespür intellektueller Durchdringung und emotionaler
Reife - , dann verdient dieses Reiten, eben weil es sich am Ideal des
"tiefen Suchens" orientiert, die Bezeichnung akademisches Reiten.

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... konzentriert sich folglich auf spezifische Elemente in der Ausbildung und beim Reiten, die in anderen equestrischen Spezialisierungsformen oder Disziplinen manchmal als nützlich angesehen werden und denen daher dort auch Interesse entgegengebracht wird, in anderen Reitweisen sind diese Elemente von geringem Wert, und bei gewissen Reitkonzeptionen werden sie als kontraproduktiv gesehen. Aber - wie ich darzulegen versuchen werde - während das Reiten und Denken über das Reiten, worüber wir hier sprechen, als Spezialisierung seine eigenen Anforderungen und Erwartungen hat, sind seine Prinzipien ein Kanon von Regeln, die für alle Formen von Arbeit mit dem Pferd Gültigkeit haben, wenn das Ziel darin besteht, dass das Arbeiten mit dem Pferd für das Pferd richtig und gerecht und für den Menschen würdig sein soll.
… sieht es daher als seine Verpflichtung und zielt darauf ab, das Pferd dazu zu erziehen, gewisse Dinge in einer gewissen Weise ausführen zu können. Indem auf die Reinheit und die Vollkommenheit der Bewegung(en) bestanden wird, soll das (im Moment gezeigte individuelle) Pferd das Wesentliche des Pferdischen (aller Pferde) sichtbar machen. Ein solches Kultivieren des Musterhaften im Einzelnen bedeutet, dass dieses Reiten Stilisierung ist. Wird diese Verfeinerungs- und Kultivierungsarbeit korrekt unternommen, so führt sie zur Darstellung des "Herzens" der Natur des Pferdes: Das Pferd führt komplexe Verhalten vor, als wären sie schiere Einfachkeit; es ist imstande, Schwieriges zu tun, als wäre ihm dies vollkommen natürlich.
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…
sieht sich aber mit einer besonderen Problematik konfrontiert: Will man
die beschriebenen Ziele ansteuern und dabei die erwähnten Grundregeln
respektieren, so muss man sich mit der Tatsache auseinandersetzen,
dass ein hohes Maß an Mobilität in großer Versammlung beim "naturbelassenen" Pferd weitgehend dann auftritt, wenn das Pferd erregt ist,
wenn es sich momentan in einem Zustand der Verstörung befindet.
Die besagten Verhalten des Pferdes durch sanfte und unsichtbare
Einwirkungen auszulösen und es dazu anzuleiten, solche Bewegungsformen
in Ruhe und Gesetztheit auszuführen,
auf für den Reiter komfortable Weise, und die Anweisungen und
Anforderungen des Reiters mit
freudigem Einverständnis, nahtlos und ohne Unterbrechung auszuführen, verlangt, dass das Pferd in seiner Natur - weil es ja zu seiner Natürlichkeit zurückfinden soll - umgeformt werden muss, dass seine Natur dabei aber nicht entformt werden darf.
… ist damit zutiefst paradoxal
und komplex. Die "Umformulierung der Natürlichkeit", die angestrebt
wird, darf die Spuren des "unnatürlichen" Vorganges, der zu diesem
Zweck verwendet wird, nicht zeigen. (Die Anführungszeichen sind hier
von Bedeutung!) Nur wenn die körperliche Kraft langsam
aufgebaut und dabei stets Flexiblität bewahrt und weiterentwickelt
wird, wird es möglich sein, Anmut zu erreichen (und nicht nur vulgär
offensichtliche Muskularität), nur so kann es soweit kommen, dass ein
gewichtiges Tier unter einer Last sich "leicht und luftig" zeigt. Die
Darbietungen des Pferdes werden nur dann wirklich den Anforderungen und
den momentan gestellten Aufgaben des Reiters entsprechen,
wenn "Dialog" und aufbauend entwickelte Zusammenarbeit
zwischen Pferd und Reiter herrschen; nur dann wird der Eindruck
entstehen können, dass das Verhalten des Pferdes wie aus seinem eigenen
Willen geschähe, nur so kann es zu Verhaltensweisen kommen, die
abrufbar und gewohnheitsmäßig sind und nicht auf geistloser
Mechanisierung beruhen. Kompromisse oder Fehler in diesem pädagogischen Prozess werden sich immer im Endresultat niederschlagen.

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… will die stilistische Form, auf die es sich spezialisiert, weder dadurch erreichen, dass etwas in das Pferd, noch dass etwas aus dem
Pferd "geritten" wird, weder durch Indoktrinierung noch durch
Ausbeutung. Damit das Pferd die Anforderungen des Reiters verstehen
kann und imstande ist, sie auszuführen, dazu muss das Pferd geformt werden. In den Anfangsphasen der Ausbildung muss das Pferd also empfänglich und lehrbar gemacht werden. Das verlangt Geschicklichkeit und Können und ist Voraussetzung dafür, dass man Übungen mit dem
Pferd als Partner (und nicht nur als gehorsam Unterworfenem)
unternehmen kann. Durch die überlegte Wahl, Kombination und
Aneinanderreihung von Übungen kommt man soweit, den Körper des
Pferdes weiterzubilden. Ist diese Einführungsphase weit genug
fortgeschritten und gefestigt, so ist es Zeit, die Vielfalt, die Qualität und die Ausdrucksstärke der Verhaltens- und Bewegungsformen
weiterzuentwickeln und zusehend schwierigere Übergänge zwischen ihnen
organisch und fließend meistern zu können. Die Interaktion zwischen
Reiter und Pferd wird dafür immer komplexer werden müssen. Bleibt noch
die letzte Aufgabe, dem Pferd "letzten Schliff" zu geben (obwohl diese
Augabe eben niemals wirklich beendet ist!), das Verfeinern.
… unternimmt den Weg zur Umformung des Pferdes dadurch, dass sein Geist und sein Körper betätigt, durch Übungen zusehend befähigt werden. Diese Übungen sind in allen Phasen der Ausbildung die Mittel
zur Erreichung des Zwecks, nicht Zweck selbst. Nur ein Reiter, der das
wirklich versteht, kann den "Lektionen" gegenüber das notwendige und
richtige "Detachement" haben (gleichzeitig aber auch die Wichtigkeit
deren Perfektion niemals aus dem Auge verlieren) und so weiter gelangen,
als zu einem Reiten, das darin besteht, das Pferd "tun zu machen". Hat
das Pferd hingegen gelernt zu verstehen (und nicht bloß zu gehorchen)
und es wird von ihm etwas Verständliches (verständlich) verlangt, so
wird man das Pferd tun lassen können. Das ist das Ziel dieses hier besprochenen Reitens.

DIESE ART DES REITENS UND DES DENKENS ÜBER DAS REITEN ...
... versteht sich als ein Unterfangen, in welchem in tiefgreifender und respektvoller Weise Natur umgeformt wird und bei welchem die ästhetische Komponente immer präsent ist. Der konkrete Fortschritt bemisst und materialisiert sich immer darin,
dass das Pferd strahlender, ausdrucksvoller und schöner wird. Diese
Eigenschaften gehen anfangs nicht über das Maß der naturgegebenen Stärken
des Pferdes hinaus und werden durch die Belastung durch den Reiter oft
einer harten Probe unterzogen; werden sie mit der Zeit aber "erblühen",
so liegt darin der Beweis korrekter Arbeit. Mit der Zeit und mit zusehendem Fortschritt von Pferd und Reiter muss das ästhetische Element immer mehr ins Zentrum rücken,
es muss in jedem Moment des Reitens und Ausbildens in dieser
Perspektive wichtiger werden und immer mehr das anvisierte Ziel
definieren. Stilisierte Mobilität in hoher Versammlung mit Schönheit
und Feinheit der Ausführung zu erreichen, kann als ein kunstvolles Ergebnis bezeichnet werden.
... übernimmt seine Leitideen und Wertvorstellungen von den Prinzipien
der folgenden reiterlichen Traditionen: Vom klassisch griechischen Reiten, das Ideal humaner Behandlung und ästhetischer Intention des Schaffens; vom Iberien
(den Berbern, Mauren und Muslimen) des 7. bis 15. Jahrhunderts, das
Ideal der Gefühlsintensität (Emotionalität) der ein- und
ausdrucksvollen Darstellung des allseitig mobilen und "leichten"
Pferdes; aus der keltisch/fränkischen
Mythologie, das Ideal des lernenden und sich dadurch entwickelnden
Pferdes als Verbildlichung des "Wachsens" (vom bestialisch Tellurischen
zum geistig Luftigen) und, daraus abgeleitet und auf Reiter und
Ausbilder übertragen, die psychologische Rolle der "Pferdearbeit" im
Prozess menschlicher Selbstverwirklichung und Reifung; von der italienischen/französischen Renaissance
(bis Ende des 16. Jahrhunderts), die Ideale von stolzer Großartigkeit
und Anmut und, angewandt auf das Reiterliche, die Idee des
"theatralischen Zeigens und Angesehenwerdens" als Leitgedanke kreativer
Arbeit, und vom Barock, die Idee, dass Komplexität das Merkmal hoher Qualität ist; aus der europäischen Aufklärung
(18. Jahrhundert), das Ideal logischer und vernunftsgesteuerter
Methodik als die Grundvoraussetzung erfolgreicher und richtiger
reiterlicher Praxis; von den mechanistischen und wissenschaftlichen
Ansätzen des 19. und 20. Jahrhunderts, die Modelle der Biomechanik und
des Lernens durch Verhaltensprägung und die daraus abgeleiteten
Techniken; und aus den vor etwa 150 Jahren begonnenen und noch zur
Zeit herrschenden Kultur- und "Schul"diskussionen (z.B. um die Methoden
in den verschiedenen Kavallerien, in der "Unterhaltungsindustrie", im
sportlichen Reiten, im Berufs- und Amateurreiten und im
Freizeitreiten), die diversen Denkinhalte zum Reiten als
Wettbewerbsbetätigung, als Spektakel, als Prüfung, und als
sichtbargemachtes Können.

DIESE ART DES REITENS UND DES DENKENS ÜBER DAS REITEN ...
... ist in seiner heutigen, modernen Form die Zusammenführung aller dieser Vorstellungen und Ideale, es beinhaltet Erbanteile aller dieser "Vorfahren".
Diese, unsere Form des Reiterlichen ist also nicht bloß eine gewisse
Eigenart, die reiterliche Praxis oder das diesbezügliche Theoretische
aufzufassen: So "disziplinspezifisch" es auch erscheinen möge, es ist
in der Tat ein Wertsystem,
eine Ästhetik, ein logisches Ganzes, eine Ethik des Reitens. Wie die
erwähnten ererbten Einzelelemente kombiniert werden oder wie wichtig
gewisse von ihnen in der Praxis sind, das mag variieren. Eine Reitweise
aber, die auch nur einem dieser Elemente keinerlei Gewicht gibt oder
die auf eine Praxis hinausläuft, die irgendeinem dieser Elemente
von Grund auf widerspricht, zählt nicht zu den Beispielen jener reiterlichen
Weltanschauung, die wir hier besprechen.
… zählt aber andererseits unter ihre Vertreter Reiter, deren Stil oder
"Reitdisziplin" dem herkömmlichen Verständnis entsprechend nicht dazu zu
gehören scheinen: Es gibt reiterliche Praxen, die wenig mit "Schul-,
akademischem, Dressur- oder klassischem Reiten" zu tun haben scheinen,
die aber strikt an den Werten der besprochenen Traditionen festhalten.
Es gibt, mit anderen Worten, Reiter, die scheinbar traditionsgebundenes
und -bewusstes Reiten pflegen, die aber diesen Geisteshaltungen
(bewusst oder nicht) entgegenhandeln und deren reiterliche Resultate
nur Zerrbilder sind, andere Reiter wiederum, die (ob das nun anerkannt
wird oder nicht) wahrhaftig diese Traditionen pflegen und ihre
wesentlichen Werte auf heutige Reitweisen und Disziplinen übertragen.
Deshalb erweist es sich als oft unzulänglich, die Erscheinungsform
reiterlicher Praxis oberflächlich zu betrachten oder dem
selbstrechtfertigenden Wortschwall theoretischer Erklärungen Glauben zu
schenken: Man muss schon ein sehr "scharfer" Beobachter und ein
kritischer Kenner der tiefliegenden Prinzipien sein, um erkennen zu
können, wie nahe jemand als Reiter dem hier besprochenen Reiten
tatsächlich steht, wie sehr er es integriert hat.

DIESE ART DES REITENS UND DES DENKENS ÜBER DAS REITEN ...
... hält diese tradierten Ideen aber nicht für abstrakte Desiderata, denen gegenüber es ausreicht, Lippenbekenntnisse zu machen, welchen im Praktischen zuwidergehandelt wird, sondern versteht sie als Regeln für das praktische Handeln. Deshalb verlangt diese Reitweise eine harmonische Ausgeglichenheit zwischen theoretischem Verständnis, das durch Studium und praktische Erfahrung zu Können wird, einerseits, und, andererseits, einem kompromisslosen Festhalten an einer Praxis, die mit diesem theoretischen Verständnis in Einklang ist. Sich ausschließlich auf umstandbedingte Geschicklichkeit - weil es ja "funktioniert" - oder auf angebliche, wortreich bombastische theoretische "Erklärung" und Allgemeingültigkeit zu verlassen, ignoriert eine wesentliche Eigenheit dieser hier besprochenen Sichtweise: Die grundlegende Methodologie dieses Reitens liegt nicht darin, einem "System" zu folgen, sondern Pferdearbeit immer kritisch fragend und forschend zu unternehmen.
... hält es daher für unnotwendig, "das Rad neu zu erfinden", für
vermessen, dies zu können zu glauben oder, im ärgsten Fall, die
Erfahrung, das Wissen und die Einsichten unserer Vorläufer unter dem
Vorwand ignorieren zu können, dass die heutigen Umstände es sinnvoll
machen zu "innovieren". Das hier besprochene Reiten spricht den Alten
Meistern in Bescheidenheit und mit Respekt Autorität zu, denn ihre
Lehren fußen auf über Epochen hinweg zusammengetragenen Erfahrungen und
Einsichten. Das "Herzstück" dieser Weisheiten ist die Überzeugung, dass
Arbeit mit dem Pferd, in der die "Mittel den Zweck heiligen" meist
immer, über kurze oder lang, für Pferd und Reiter ebenso
verheerende Resultate bringt, wie die Anwendung eines dogmatisch festgelegten System.
Durchdenkt und versteht man die Prinzipien dieser Reit- und Denkweise,
so wird ersichtlich, dass diese im eigentlichsten Sinn Regeln dafür
sind, was der Reiter nicht tun darf,
und dass des Reiters Aufgabe in der Praxis darin besteht, zu entdecken,
welche der Dinge, die (noch) "getan" werden, ungetan bleiben können
oder nicht mehr getan werden sollen.
DIESE ART DES REITENS UND DES DENKENS ÜBER DAS REITEN ...
… hält sich an diese Wertvorstellungen und Regeln für das praktische Vorgehen, weil ein solches Reiten dem Pferd am angemessensten und folglichen den Zwecken des Reiters am dienlichsten, nützlichsten und effektivsten ist. Indem es die Erfahrungen früherer Reiter als Beitrag gelten lässt, gewinnt der Versuch dieser Reitweise, Fehler zu vermeiden, die mit umstandgebundenem Funktionalismus oder mit engstirnigem Scholastizismus kommen, an Sichtweite und Tiefe. Natürlich zählen in diesem Reiten die Motivation und das Ziel, das Weshalb und das Wofür. Sie wurden bereits erwähnt: Ästhetik durch Stilisierung - und wir teilen sie mit gewissen unserer Vorgänger. Und indem wir uns auf eben diese, unsere Vorläufer, beziehen, aus ihnen schöpfen und lernen, ihren Erfahrungen und Vorgehensweisen Reverenz erweisen, erweitern wir unseren eigenen, durch momentane Interessen beschränkten Bezugsrahmen. So übernimmt diese Reitweise nicht nur traditionelle Motivationen und Ziele (was bestenfalls ein Anachronismus sein könnte), sondern verknüft seine eigenen, heutigen, effektiv miteinander: Nicht eine Betätigung mit Regeln ist es, sondern eine Weltanschauung und eine Wertauffassung, die in ihren Prinzipien am vollsten in der Gemeinsamkeit mit dem Pferd und im Reiten konkret gelebt werden kann.
… definiert "richtiges Reiten" daher als jenes Vorgehen, das dieses Weshalb und Wofür entsprechend verbindet. Die Methodik und die Techniken, die verwendet werden, müssen die Prinzipien getreu verwirklichen
- das ist die große Lehre der unzählbaren Stunden praktischen
Arbeitens und kritischer Erwägung der alten Meister. Würden wir
uns dies nicht mit Dankbarkeit zueigen machen, wir könnten kaum
erwarten, in unserem kurzen reiterlich schaffenden Leben mit unseren
"Entdeckungen" sehr weit zu kommen, unser tatsächliches Können würde
niemals das Niveau erreichen können, das wir anstreben, niemals könnten
wir so "gut" werden, wie es unseren (immer "guten") Intentionen
entspricht. Die Frage der Kompetenz ist daher für dieses Reiten nicht
nur eine Frage der Aneignung in und durch die Praxis, sondern auch der Wertverbundenheit, der Prinzipien.

DIESE ART DES REITENS UND DES DENKENS ÜBER DAS REITEN ...
… ist eine Ethik für das technische Handeln, dessen Ziel das erfolgreiche ästhetische Schaffen ist. Technisch korrekt wird das Vorgehen sein, wenn das Pferd durch die Interaktion mit dem Reiter richtig und gut umgeformt wird, denn dadurch wird Gesundheit und Schönheit geschaffen. Darin liegt die "Weisheit" dieser Reit- und Denkweise: in der vernünftigen Wahl der Mittel, mit welchen sie ein emotional
packendes Ziel zu erreichen sucht. Diese Mittel zu finden und bis zu ihrer
modernen Form zu entwickeln, hat Jahrhunderte gebraucht.
... ist sich bewusst und erkennt an, dass die Reiterei in beiden Beziehungen, im Rationalen wie auch im Emotionalen, durch die Zeiten Fortschritte gemacht hat. Deshalb ist nicht alles
Tradierte ein Allerheilsmittel. Aber von unserem heutigen Stand
"fortgeschrittener wissenschaftlicher Kenntnisse" oder angeblich
"neuer, durch Pferdegerechtigkeit bereicherte Pferdeliebe" zu
schließen, dass alt Überliefertes oder gewisse Traditionen daher
einfach übergangen werden können, das wäre Unvermessenheit. Ein
informiertes und zivilisiertes Reiten setzt voraus, dass "altes Wissen"
kritisch studiert wird.
... ist ebenso paradoxal in dem, was es mit dem Pferd zu erreichen versucht - es nämlich zu formen und umzuformen ohne es zu verformen
- , wie in dem, was es vom Reiter verlangt: Das Emotionale mit dem
Rationalen in Einklang zu bringen, sie miteinander harmonisch
auszugleichen und zu integrieren, ist für den Reiter ein
persönlichkeitsprägender Formungs- und Umformungsprozess. In einer Zeit
wie unserer, da das Reiten vor allem als freizeitliche, sportliche oder
Amateuraktivität betrieben wird, ist dieses altbekannte Phänomen in ein
neues Licht getreten. Der Aufruf, ein "denkender und fühlender"
Reiter zu sein (Zuneigung und Aufmerksamkeit zu üben, das Fühlen und
Mitgefühl zu kultivieren und methodisch um- und vorsichtig zu handeln),
ist zweifelsohne eine notwendige Bedingung, ohne welche "feine"
Pferdearbeit nicht vorstellbar ist. Für das Reiten, das wir hier
besprechen, ist es aber in der Praxis nicht eine ausreichende
Bedingung: Dieses Reiten verlangt, dass gewisse Grundelemente
in der Praxis respektiert werden und es obliegt daher dem einzelnen
Reiter nicht nur, gewisse "innere" Qualitäten zu entwickeln und zu
haben, sondern auch ihm "äussere". Man darf für dieses Reiten sich
nicht damit zufrieden geben, "Eigenes" zu kultivieren, sondern muss
auch die Bescheidenheit haben, "Vorgegebenes nachzumachen",
nicht nur (sich selbst) zu (er)finden, sondern auch zu "imitieren".
Als, wie bereits erwähnt, selbstkritisches Unterfangen, ist dieses
Reiten ein zutiefst kreatives Tun und verlangt daher Flexibilität und erfinderischen Mut.

DIESE ART DES REITENS UND DES DENKENS ÜBER DAS REITEN ...
… führt in dem Maß zu konkreten Resultaten, zur erfolgreichen Formung des Pferdes, als der Reiter selbst sich dementsprechend (um)geformt
hat. Wie perfekt das Ergebnis ist, wie nahe der Idealvorstellung (was
auf jedem Niveau, auch dem elementarsten gilt), bzw. wie weit, bis zu
welchen "höheren" Schwierigkeitsgraden, die Arbeit weitergeführt werden
kann, hängt davon ab, wie genau und strikt der Reiter vorgeht ohne
unflexibel zu sein, wie erfinderisch er ist ohne maßlos zu handeln, wie
gefühlvoll er ist ohne der Sentimentalität zu verfallen, wie detachiert
er der Sache gegenüber ist ohne gleichgültig zu sein. Geschicklichkeit
und gekonntes Vorgehen müssen so weit entwickelt sein, dass Methodik
und Technik "wie aus dem Ärmel geschüttelt" funktionieren. Dann - und erst dann - kann
die persönliche Note des Reiters zum Ausdruck kommen und sie bemisst sich am Grad der Feinheit des Pferdes.
… teilt in diesem Sinne manche der Schwierigkeiten und
Herausforderungen, die die bildenden Künsten kennzeichnen. Das
Unterfangen, das Pferd in ästhetischem Sinn zu formen, will im
Idealfall zu Ausdruck führen, zu einer interpretativen Darstellung der wesentlichen Natur des Pferdes (und bei wirklich hohen Können, des Reiters!), und diese "Kunstproduktion" soll einen Eindruck und ein Erlebnis von "edler Einfalt" und "stiller Größe"
schaffen. Mit diesen Worten Winckelmanns (ursprünglich auf die
griechische Bildhauerkunst angewandt, 1755) wird auch deutlich, was
eigentlich mit klassischem Reiten
gemeint sein will. Ausdrucksloses oder stereotypisch abgedroschenes
Reiten, wie "kompliziert" auch immer es sein möge, ist ebenso
unklassisch wie ein Reiten, das Eindruck schindet durch Vulgarität und
Übertreibung.
DIESE ART DES REITENS UND DES DENKENS ÜBER DAS REITEN ...
... wendet jene Prinzipien und Methoden an, die sich über Epochen und
unter mannigfaltigen Umständen als richtig erwiesen haben, die in dem
Gegenüber widerstreitender Dogmen, konkurrierender Schulmeinungen, sich
wandelnder Moden und Vorlieben und sich verändernder Notwendigkeiten
bewährt haben. Die hier besprochene Reitweise verwirklicht die
erarbeitete Einsicht, dass die klassischen Ziele nur dann in der Arbeit mit dem Pferd erreicht werden können, wenn in der Formung des Pferdes erzieherisch und für Geist und Körper des Pferdes richtig und entsprechend vorgegangen wird. Dieses Reiten verlangt Flexibilität, aber von diesen Grundregeln darf nicht abgegangen werden.
... bemisst, wie "richtig und dem Geist und Körper des Pferdes
entsprechend" die Arbeit ist, an anspruchsvollen, konkreten
Kriterien: wie "unnatürlich" die Lebensumstände des Pferdes auch sein
mögen und wie "unnatürlich" das Reiten und seine Anforderungen, es ist
das Maß, in dem das Pferd gesünder, langlebiger, lebensfroher und glänzender und schöner wird, das Beweis dafür ist, wie pferdegrecht seine Erziehung und Formung vonstatten geht. Diese Kriterien gelten jederzeit und über jeden Zeitraum hinweg,
d.h. ihnen darf in keinem Moment entgegengehandelt werden. Die
kurzsichtigen, augenblicksgebundenen utilitaristischen Interessen des
Reiters sind daher keine Maßstäbe richtigen Reitens und Ausbildens und
"praktisch Vielversprechendes", weil vereinfachend oder abkürzend, ist
bestenfalls ein Abirren von Weg, meist eine Garantie dafür, dass es nie
zu guten Resultaten kommen wird können. Nur wenn die Arbeit mit
dem Pferd in diesem Sinne pferdegerecht ist, wenn sie seine natürlichen
Eigenschaften verbessert und verschönert, kann das Ziel dieser
Reitweise erreicht werden.
DIESE ART DES REITENS UND DES DENKENS ÜBER DAS REITEN ...
... existiert als Idealvorstellung seit vielen Jahrhunderten, aber als Form der Praxis war
sehr viel Zeit notwendig, um sich darüber klar zu werden, dass alles
Zuwiderhandeln gegen die Natur des Pferdes, findet es Eingang in die
Arbeit mit dem Pferd, sich schlussendlich immer - trotz aller
momentanen "Erleuchtungen", Erfolge oder Anerkennungen - als
kontraproduktiv erweist. In Perioden, Kulturen oder
Umständen, in denen Rohheit und Brutalität herrschen, falsche
Moralisiererei oder ungezähmter Utilitarismus, spielen
sich die Groben, die Prinziplosen, die Scharlatane, die
Schönredner an die Rampe und sprechen betörend darüber, was praktisch
richtig wäre. Das Reiten und Denken über das Reiten, über welches wir
hier sprechen, ist oft marginalisiert worden; auch in heutigen Zeiten
haben bedauerlicherweise andere Grundeinstellungen den
Vorrang. Wo Pferdegerechtigkeit und Humanität
(hohe ethische Ansprüche bezüglich menschlichen Verhaltens) aber nicht
grundsätzlich respektiert werden, dort wird das Pferd unterdrückt, dort
hat es keine "Stimme".
… ist daher - je wie präsent, wie sichtbar, wie akzeptiert, wie
"angesehen" es ist - ein symptomatischer Hinweis auf den Grad der
individuellen und kolletiven Zivilisiertheit. So wie in ihrer Natur
durch Erziehung und Ausbildung verformte
Pferde Beweis für Barbarität sind, so auch zeigen die
existierenden Beispiele von Reiten, Reitern und Pferden, die dieser
Reitauffassung entsprechen, wie zivilisiert und "fein" eine Zeit bzw.
eine Kultur ist. Unsere hier besprochene Reitauffassung kann nicht mehr
tun, als ein Verbindungsglied in der langen geschichtlichen Kette des
Reiterlichen zu sein. Wir dürfen hoffen, diese Aufgabe zu
erfüllen, vorausgesetzt, wir machen uns die diesbezüglichen Prinzipien
zueigen, handeln in der Praxis ihnen entsprechend und entwicklen unser
Verständnis, was Pferdegerechtigkeit bedeutet, im Licht neuer
Erkenntnisse, die unsere heutige Zeit bringt, weiter.

DIESE ART DES REITENS UND DES DENKENS ÜBER DAS REITEN ...
... ist besonnen und ruhig, weil sie geschichtliches Bewusstsein hat und folglich Hast und Eile als sinnlos versteht; ist still und bescheiden, denn ihr einziges Anliegen ist, das Pferd "sprechen" zu lassen; ist geduldig,
denn Fortschritt der Verfeinerung kommt nur durch das Erlernen - bis
ins kleinste Detail - der Methodik und durch die Durchdringung und
Aneignung der Prinzipien und Werte; ist selbstkritisch,
denn "Fühlen" (sowohl im Sinn von sinnlicher als auch emotionaler
Erfahrung), worauf ja die Interaktion mit dem Pferd basiert, kann auch
illusorisch oder falsch sein und muss daher cum grano salis genommen werden; ist rational und realistisch,
denn nur der tatsächliche Zustand des Pferdes (nicht aber die
lobenswerten, guten Intentionen des Reiters) zeigt auf, was sich
wahrhaftig abspielt; und alles Reiten in dieser Ansichtsweise ist stolz
(keineswegs aber eitel!), denn welcher Punkt auch immer durch richtige
Pferdeabreit erreicht wird, immer ist es (auch wenn es sich nur um
einen bescheidenen Fortschritt handelt) eine musterhafte
Wiederschaffung der Natur des Pferdes.
Sicherlich, oft ist das Reiten in dieser Perspektive ein "langer und
holpriger Weg", aber immer geprägt durch Freudigkeit.
~ Christian Kristen von Stetten


