
Gustav STEINBRECHT
Französische Neuübersetzung von
«Das Gymnasium des Pferdes», Potsdam 1886
wird veröffentlicht als:
«Le gymnase du cheval»
(Arbeitstitel)
in Zusammenarbeit mit Patrice Franchet d'Espèrey, Ecuyer beim Cadre noir, Saumur
(mit Unterstützung des französischen Ministère de la culture)
Erscheinung Frühjahr 2011
«Le gymnase du cheval», die französische Übersetzung des Buches von Steinbrecht,
allgemein als die "Bibel" der deutsche Reiterei bekannt, stammt von
Edouard Dupont und wurde 1935 verfasst. Dupont war ein eminenter écuyer und
hervorragender Sprachenkenner und sein Text ist zu jener Reitweise,
die seit seiner Zeit für das moderne Reiten
zur dominanten, heute international beinahe ausschließlich
geltenden
"Schulauffassung" geworden ist, für das "deutsche" Reiten, die
hauptsächliche Informationsquelle für französische Reiter. Bei Dupont/Steinbrecht haben sich Generationen französischer Reiter die Grundlagen ihres Verständnisses der Reiterei "jenseits des Rheins" gesucht.
Kennt
und durchschaut man allerdings die kulturellen Unterschiede und
Eigenarten, die beiden "Weltanschauungen", wirklich und stellt das
deutsche Original dem französischen Text vergleichend gegenüber,
dann wird offensichtlich, dass «Das Gymnasium» in der Fassung von
Dupont in nuancierter aber tiefgreifender Art und Weise manches aus dem
Original verformt. Um es vereinfacht auszudrücken: Im «Le gymnase»
ist Steinbrecht zu französisch oder in seinem deutschen Denken nicht klar genug vermittelt.
Dass
daher Leser der seit langem vergriffenen französischen Ausgabe leicht
zu einem nicht immer richtigen Verständnis "deutschen" Reitens, wie es
Steinbrecht so bahnbrechend formuliert, kommen können, ist nicht
überraschend: Selbst N. Oliveira und M. Henriquet z. B. haben Aussagen
gemacht, die darauf hinauslaufen, dass "Steinbrecht und Baucher
im Grunde ähnlich" seien. Werden Original und Übersetzung mit fundierter
Hintergrundkenntnis der beiden Kulturen vergleichend analysiert, so
erweist sich eine solche Behauptung als zutiefst zweifelhaft. Jean-Claude Racinet
z. B. hat für gewisse Details anhand der französischen und der
englischen Steinbrechtübersetzungen gezeigt, wie sehr die Dupont/Steinbrecht
Arbeit zu Missverständnissen führen kann und weist darauf hin, dass
selbst der große Decarpentry (der eigentliche "Ermutiger" der
Übersetzung durch Dupont) zu einer solchen falsch begründeten
Schlussfolgerung verleitet wurde.
Verformungen
und "Spiegeleffekte" ähnlicher Art sind bekanntlich in der reiterlichen
Literatur keineswegs neu. Alle mir bekannten Übersetzungen (inklusive La Guérinière, Baucher, Faverot, Decarpentry, Oliveira etc.) zeugen, wenn man sie den
Originaltexten gegenüberstellt, von der enormen Schwierigkeit des
Übersetzens im Equestrischen (welches weit über das Technische
hinausgeht). Und da einst und jetzt nur ganz wenige Reiter
"verifizieren" bzw. dazu imstande sind, so muss zum Schluss gekommen
werden, dass der Großteil lesender Reiter die klassischen Werke, ob sie
sich dessen bewußt sind oder nicht, nicht "pur", im Sinne der
Originalautoren, rezipieren (und rezipiert haben), sondern Interpretationen davon.
Es ist folglich leicht ersichtlich, dass ihr Verständnis des "anderen"
Ansatzes stets das Risiko beinhaltet, in größerem oder kleinerem Maß
ein Missverständnis zu sein
und dass ihre Versuche, die "andere" Reitweise in die ihrige zu
"integrieren", oft zu Ungereimtheiten, Schwierigkeiten und Sackgassen
führen (und dass sich, trotz enthusiastischer Akzeptanz, der "Erfolg"
nicht einstellt bzw. das "fremde" Reiten zurückgewiesen wird, weil es
"keinen Sinn macht").
Es ist daher dringendst notwendig, dass Steinbrecht neu
ins Französische übersetzt wird. Das ist sowohl für jene französischen
Reiter von Interesse, die die Doktrin des "deutschen" Reitens, die für
modernes Wettbewerbsreiten zur weitgehend dominanten "Schulauffassung"
geworden ist, richtig verstehen möchten, als auch für diejenigen,
die dieser Reit- und Ausbildungsweise nicht folgen wollen und, ob nun
selbst "lateinischer" Kulturzugehörigkeit oder nicht, sich dem
"romanischen" Reiten widmen wollen und daher genau verstehen möchten,
wovon sie sich distanzieren wollen. In beiden Fällen ist es von
allererster Wichtigkeit, dass die Leser einen übersetzten Text von Steinbrecht
haben, der "radikal", d.h. die Wurzeln klar darlegend, vermittelt, was
der deutsche Meister in so hervorragender Form (und im deutschen
Original so ausserordentlich klar und unmissverständlich) darlegt. Dass
aus einem Text, der "anderes" Reitkulturgut bietet, unter der
Voraussetzung, dass die Übersetzung nicht "durch die eigene Sichtweise"
bereits verformt ist, auch reflektierend Einsichten gewonnen werden
können über die eigene reiterliche Identität, ist selbstverständlich.
Um das Risiko derartiger "Verzerrungen" zu vermeiden, wird die neue Steinbrechtübersetzung in Zusammenarbeit mit M. Patrice Franchet d'Espèrey, écuyer am Cadre noir
und Autor zahlreicher hochbekannter Bücher, verfasst werden. Wir sind
der Überzeugung, dass eine klare französische Fassung, in der alle kulturspezifischen
deutschen Sinneshintergründe unverformt zum Ausdruck kommen und
erfassbar sind, dazu beitragen wird, dass französische Reiter von einer
auf Missverständnissen gründenden "allzu optimistischen" Akzeptanz der
"deutschen" Doktrin bzw. von einer, ebenso unbegründeten, allzu
"selbstzweifelnden" Zurückweisung ihrer kultureigenen Reitweise bewahrt
werden können. So wie "deutsche" Reiter sich in zunehmendem Maß mit dem
"französischen" Reiten auseinandersetzen und dazu sich nicht mehr auf
vorurteilsbehaftete Interpretation stützen brauchen sollen, so auch
sollen "französische" Reiter Zugang zu einem klaren Verständnis
deutschen Reitens haben. Die Orientierung der individuellen Wahl soll
nicht mehr auf Mythen beruhen, denn das bringt die Reiterei, wie man
bisher feststellen konnte, nicht (oder viel zu langsam) weiter. Wir
sind zuversichtlich, dass diese neue Übersetzung von Steinbrecht ins
Französische ein Beitrag sein kann, um das Reiterliche von den
Konsequenzen der noch bleibenden Nationalismen freier zu machen und der
"Aufklärung" einen Schritt näher zu bringen.


